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«Schule unter der Sonne»

Ein Unterrichtsprojekt der Gemeinde «22. April» in El Salvador

Zusammenfassung: Die Projekte der großen Hilfsorganisationen «Brot für die Welt», «Misereor» usw. werden überall verbreitet. Weniger bekannt sind die Projekte, die auf Grund von Erfahrungen, Erlebnissen und freundschaftlichen Verbindungen entstanden sind. Die katholische Gemeinde «22. April» hat sich selbst diesen Namen gegeben, weil der Ort, dessen Bewohner ihre Hütten illegal auf einer großen Müllkippe in der Nähe der Hauptstadt El Salvadors gebaut hatten, an einem 22. April in den siebziger Jahren legalisiert worden ist. Die Bewohner sind ehemalige Flüchtlinge aus dem Bürgerkrieg in El Salvador.

In dieser Gemeinde lebt Pater Gerhard Pöter seit mehr als zwanzig Jahren. Er hat dort eine beeindruckende soziale Arbeit aufgebaut, die durch Gruppen aus Braunschweig, Graz und Witzenhausen bei Kassel unterstützt werden. Es gibt inzwischen zwei Schulen, Kindergärten, eine Gesundheitsstation, eine Apotheke, in der auch Heilpflanzen angeboten werden, die selbst gezogen sind, sowie eine Finca, in der ökologischer Landbau betrieben wird. Darüber wäre viel zu berichten. Diesmal aber nur über die «Schule unter freiem Himmel.»


In der Gemeinde «Colonia 22 de Abril» sind seit 1986 verschiedene Sozialprojekte aufgebaut worden. Dazu gehören zwei Schulen, die Kindergärten, eine Gesundheitsstation, eine kunsthandwerkliche Werkstätte sowie die außerhalb der Stadt gelegene Finca, in der ökologischer Landbau betrieben wird, Hühnerhaltung und der Anbau von Heilpflanzen. Zugleich ist die Finca ein Erholungsort für die Schülerinnen und Schüler, die zwar von bäuerlichen Familien abstammen, aber in den Armenvierteln der Siedlung keinen Erfahrungsraum für den Umgang mit der Natur haben.

Der größte Teil der Bewohner sind ehemalige Kriegsflüchtlinge, arme Kleinbauern (campesinos), die Anfang der 80er Jahre aus den Kriegsgebieten El Salvadors in die Nähe der Hauptstadt geflohen sind. Zwar ist der Bürgerkrieg zu Ende aber die Probleme von Armut und Benachteiligung bestehen nach wie vor. Besonders gravierend ist in letzter Zeit das Problem der Maras geworden. Es sind Jugendbanden aus deklassierten und zerrütteten Familien, die Schutzgelderpressungen vornehmen und sich gegenseitig bekriegen. Pater Gerhard schreibt: «In den letzten Monaten bemerken wir, dass viele kleine Läden im Viertel schließen, weil die Jugendbanden von den Besitzern einen Tribut einkassieren und sich das Geschäft nicht mehr lohnt. Auch bei den LehrerInnen der staatlichen Schulen wird von den Maras monatlich abkassiert...» Die Migration zerstört salvadorianische Familien. 740 Salvadorianer durchschnittlich verlassen täglich ihr Land, die meisten, um in den USA einen besser bezahlten Arbeitsplatz zu finden. Junge Eltern wandern aus und lassen ihre Kinder bei Großeltern und anderen Verwandten, die häufig nicht in der Lage sind, ihnen das zu geben, was sie am meisten brauchen: Zuwendung, Zuhören, Respektierung der Reifungs- und Lernprozesse. Diese Jugendlichen suchen Sicherheit, Selbstwertgefühl, Anerkennung und finden sie bei den Maras vorläufig, sonst kaum irgendwo.

Die Sozialprojekte in der Gemeinde tragen auch zur Entschärfung der Situation bei. Weil sie – anders als die staatlichen Schulen – genau auf diese Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen eingehen. Die Lehrerinnen und Lehrer arbeiten dort nach Methoden der Montessori-Pädagogik, wie sie in Lateinamerika z. B. über die Argentinierin Emilia Ferreiro, weiter vermittelt wurden. Das heißt, dass es nicht das Zeil ist, Schülerinnen und Schüler so schnell wie möglich die üblichen Lektionen beizubringen, sondern sie zu entdeckendem, selbstständigem Lernen anzuleiten (was die Lehrerinnen und Lehrer zum Teil auch erst selbst lernen müssen). Es ist der Weg des Lernens, der gefördert wird, nicht das Eintrichtern von Stoffen. Da solche Unterrichtsmethoden in den staatlichen Schulen nicht üblich sind, gab es zunächst großes Misstrauen gegenüber diesen Schulen. Inzwischen sind sie staatlich anerkannt, und zwei Universitäten laden regelmäßig Lehrerinnen aus der «colonia 22 de Abril» ein, um Fortbildungsveranstaltungen durchzuführen. Das hat allerdings auch den Nachteil, dass manche Lehrerin abgeworben wird, weil der Verdienst an staatlichen Schulen höher ist.

Die Montessori-Methoden werden auch in der besonderen Form der «Schule unter der Sonne» angewendet. Sie richtet sich an Kinder und Jugendliche, die weiter lernen wollen, aber vor allem auch an diejenigen, die gar nicht zur Schule gehen können, weil sie z.B. auf dem informellen Sektor arbeiten müssen oder die Eltern so arm sind, dass sie ihre Kinder nicht nur Schule schicken können. Häufiger werden auch Erwachsene durch das Angebot angezogen.

Wie die «Schule unter der Sonne» funktioniert, beschreibt Pater Gerhard folgendermaßen: «Zwei oder drei LehrerInnen erscheinen um 8:30 Uhr morgens an irgendeinem Ort im Viertel, häufig auf kleinen Plätzen oder in den Gassen. Sie machen keine Propaganda. Die Kinder stellen sich auch ohne diese ein. Es gibt keine Verpflichtung zu kommen. Die Kleinen können kommen und gehen, wann sie wollen. Einmal gekommen sein, bedeutet keinen Zwang, wiederkommen zu müssen... Manchmal ‹verpflanzen› wir die Schule am Wochenende irgendwo aufs Land. Dort machen wir die gleiche Erfahrung. Vielleicht ist dort der Enthusiasmus sogar noch ein bisschen größer als in den Armenvierteln am Stadtrand. Hier bleibt die ‹Schule unter der Sonne› so lange am selben Platz, wie das Interesse der Kinder anhält. Dies hat mit dem angebotenen Material, den vorgeschlagenen Aktivitäten und der Beziehung der LehrerInnen zu den Kindern zu tun. Wenn das Interesse sehr gering geworden ist, wechseln wir an einen anderen Platz. Nach einiger Zeit fragen die Kinder, warum wir nicht mehr kommen. Bald danach gehen sie zu energischen Protesten über. Wenn möglich, kommen wir dann wieder zurück. Das Rätsel ist, was dieses pädagogisch-didaktische Projekt so attraktiv macht, dass es trotz völliger Freiwilligkeit schon so lange existiert.»

Vor allem aber ist es auch die Attraktivität des didaktischen Materials, das den Kindern und Jugendlichen in der «Schule unter der Sonne» angeboten wird. Es sind Spiele, die das eigenständige Lernen fördern, Materialien, die zum Lesen und zum Schreiben hinführen oder die Übung darin verstärken. Die LehrerInnen sind dabei in der Rolle von Begleiterinnen und Beraterinnen von freien Lernprozessen. Attraktiv ist das Angebot also auch dadurch, dass die Kinder und Jugendlichen mit Erwachsenen zusammenkommen, die ihnen Wertschätzung und Zuwendung entgegenbringen, die ihnen zuhören und bei der eigenen Lern-Arbeit unterstützen.

Die «Schule unter der Sonne» findet zur Zeit meistens vormittags oder an Samstagen statt. Sie wird meistens von zwanzig bis dreißig Kindern besucht, an Samstagen sind es zwischen fünfzig und sechzig. Es besteht ein großer Bedarf an solchen Angeboten, deshalb wird überlegt, die «Schule unter der Sonne» auf den Nachmittag auszudehnen.

Es ist ein Projekt, das den Ärmsten Hoffnung gibt. Es ist zugleich ein konkretes befreiungstheologisches Projekt, weil hier die Armen erfahren, dass das Evangelium auch auf der Straße wirksam ist und nicht nur sonntags in Kirchenräumen oder evangelikal in großen Missionsveranstaltungen.



Hoffnungsgeschichte eingebracht von Hartmut Futterlieb03.12.2007
Es sind nicht nur die Kinder in El Salvador, für die die Bildungsarbeit in der Gemeinde «22. April» Hoffnung bedeutet, sondern auch für uns, die wir in einem ständigen Austausch mit Pater Gerhard Pöter stehen. So erfahren wir nicht über Presseberichte, welche Fragen und Probleme die Länder des Südens betreffen, sondern durch konkrete Anschauungen. Zumal immer wieder Menschen aus meinem Bekanntenkreis nach El Salvador gehen, um für einen Zeitraum in der Gemeinde mitzuarbeiten. Pater Gerhard Pöter ist außerdem ein Befreiungstheologe, der Impulse in unsere Arbeit hineingibt.

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